Storys by

Pjotr X

Es muss nicht immer Hardcore-Horror sein. An dieser Stelle möchte ich einige Lesehäppchen aus meinem Portfolio präsentieren.
Einfach nette Geschichten - vielleicht sind dann doch nicht alle nett.
Sämtliche Texte © Pjotr X

Wow! Was ist das denn? Das Zeug, das David diesmal mitgebracht hat, ist ja mega krass! Muss wohl einen Blackout gehabt haben. Egal, voll cool. Davids Wohnzimmer ist auf einmal ein wenig anders. Oder ganz anders. Das Fenster hat er mal geputzt, lach. Auf jeden Fall scheint da heute so ein grelles Licht herein, genauso wie von der Deckenlampe. Wo ist die überhaupt geblieben? Für mich wirkt es, als würde ich in einem unwirklichen Hof zwischen Häuserfassade von so barocken oder, was weiß ich, für bunten Häusern stehen.

Haha. David, wie siehst du denn aus? - Der Typ hat sich auch verändert. Als ob er sich umgezogen hätte. Hat der überhaupt was anderes als Jogginganzüge? Er hat plötzlich ein zerrissenes, kariertes Hemd mit Dreck und Blutflecken an und seine Fresse ist lädiert. Jetzt sieht er mit seinen abgedrehten Augen ohne Pupillen noch hässlicher aus als normal. 

Boh eh! Das ist abgefahren, so einen Trip hatte ich noch nie. In Davids linker Hand sehe ich eine Axt von der frisches Blut tropft. - Und echt! Auch nach Zudrücken beider Augen sehe ich es beim zweiten Blick, mein bester Kumpel hält in seiner rechten Hand den abgeschlagenen Kopf eines wunderhübschen Mädchens. Ihre blauen Augen starren mich an, den Moment des Todes scheinen sie festgehalten zu haben. Sie sind nicht geschlossen, sondern weit aufgerissen. Könnte glatt Gipsy sein.

Yea! Das ist es, das geht ab!

Oh!
Voll erschreckt!
Bei dem Anblick vor mir zucke selbst ich beim leichtesten Antippen an meiner Schulter. In meiner Nebelhülle höre ich panisch Davids Stimme neben mir, obwohl er vor mir steht: »Junge, komm wir müssen weg, der Freak hat deine Freundin zerstückelt!«

 

Die Scheune 

Weite Flächen der USA werden landwirtschaftlich genutzt. Die Felder im Mittleren Westen wirken endlos ohne dass ein Haus oder eine Menschenseele erscheint. Gelegentlich entdeckt man einfache, aus Holzbalken zusammengezimmerte Scheunen, bei denen man sich nach ihren Sinn und ihrer Nutzung fragt. Viele scheinen vergessen zu sein. Manche verbergen jedoch ein dunkles Geheimnis, wie die inmitten eines riesigen Weizenfeldes im Cave Country in Kentucky, das im Sommer 2020 ans Tageslicht kam. 

Heutige Amerikaner haben Vorbehalte Tramper mitzunehmen. Man weiß nie, wen man ins Auto lässt. Wer am Straßenrand steht, hat nicht das nötige Kleingeld, sich ein Bus oder Flugticket zu leisten. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, einen Junkie oder Kriminellen ins Auto steigen zu lassen, womöglich seinen eigenen Mörder. Russel Fisher nahm gerne Anhalterinnen mit. Den jungen Dingern, die am Straßenrand in Hotpants lächelten, um mitgenommen zu werden, konnte er nicht widerstehen. Meistens waren es gefallene Engel auf den Weg in die Küstenmetropolen, die er auf den Straßen Kentuckys aufsammelte. Russel, der täglich zehn Stunden in seinen Truck verbrachte, ließ sich gerne die langweiligen Fahrten von solchen Mitfahrerinnen versüßen.
 An der Kreuzung im Nirgendwo winkte Jessica, ihr langes blondes Haar wehte in der Morgensonne im Wind und ihre Cowgirl-Bluse war einen Knopf zu weit geöffnet. Sofort trat Russel auf die Bremse und stoppte sein 36 Tonnen Ungetüm.
 „Hey, nimmst du mich ein Stück mit? Ich bin auf den Weg nach L.A.“
 Sekunden später kletterte das junge Mädchen auf den Beifahrersitz. Gepäck hatte es nicht dabei.
 Es entwickelte sich das übliche Gespräch, von wegen ihrem Freund weggelaufen … darf ich mir was im Radio aussuchen … ich bin müde …
 Darauf hatte Russel gewartet!
 Es dauerte nur Momente bis Jessica, die ihren Kopf an die Seitenscheibe lehnte, eingeschlafen war.
 In Russels Augen begann es böse zu funkeln. Es schien perfekt für ihn zu laufen. Er musste sich zurückhalten, seine Hand auf Jessicas Schenkel zu legen, dazu würde es genug Zeit geben. Sie erinnerte ihn an jemanden, aber das spielte keine Rolle. Er war erfahren, mit diesen Ausreißerinnen, die niemand vermisste oder suchen würde, erst recht nicht, wenn sie über die Grenze ihres Heimatstaates hinaus waren.
 Er stoppte den Truck. Aus einem Fach seines Vehicle fingerte er ein Fläschchen mit einer übel riechenden Flüssigkeit, die er auf ein Taschentuch tröpfelte. „Schlaf gut, mein blonder Engel, es wird mir ein Vergnügen sein!“, raunte er hämisch grinsend, als er dem schlafenden Mädchen das Tuch unter die Nase und auf den Mund presste.
 Jessica wachte sofort auf und zuckte vor Schreck, aber ihre Kraft reichte nur Sekunden, um sich zur Wehr zu setzen, bis die K.-o.-Tropfen ihre Wirkung entfalteten.
 Das Auflachen von Russel Fisher war amimalisch, aber der Mann wandte sich von Jessica ab und startete erneut den Motor, wobei er statuierte: „Wir haben noch 60 Meilen vor uns.“
 Es war nach Mittag, als sie die einsame Scheune erreichten. Nichts als die fast reifen Ähren eines  unendlichen Weizenfeldes umgab den Holzverschlag. Hierher verirrte sich niemand.
 Ohne Mühe zog der bullige Trucker sein bewegungsloses Opfer an den Füßen über den staubigen Boden. Es waren nur wenige Meter. Mit einem Fußtritt stieß er die Schuppentür von innen zu.
 Zunächst drangen Schab- und Kratzgeräusche nach draußen, bis ein Stöhnen erklang, das in ein Grunzen mündete … bevor ein abrupter Schreckenslaut ertönte.
 „Du hast es nicht besser verdient!“, war zu verstehen. „Rache … Rache für alle!“
 Was dann schrill über das Weizenfeld erschallte, war jenseits jeglicher Beschreibung. Ein grauenhafter, unmenschlicher Schmerzensschrei ließ die Umgebung erstarren.
 Es dauerte eine Weile bis Ruhe einkehrte. Zunächst folgten vergleichbare Horrorschreie bis nur noch Wimmern zu vernehmen war, das später verklang.
 Sheriff Barnes hatte derartiges noch nie gesehen und würde es vermutlich auch nie wieder. Zuerst dachte er: Es muss ein Tier gewesen sein, ein Kojote oder womöglich ein entlaufener Kampfhund. Aber er fürchtete, dass dem nicht so war. Die Zunge des Mannes war mit dem Unterkiefer herausgerissen worden und die Genitalien zerbissen. Das war gezielt geschehen, so etwas machte kein Tier. Die Obduktion bestätigte das. Aber es kam noch Entsetzlicheres zum Vorschein.
 Vor dem Schuppen wurden sieben Frauenleichen ausgegraben. Russel Fisher war ein bestialischer Serientäter gewesen. Bloß eins blieb ein Rätsel, nämlich wie DNA von Jessica Parker an Fishers Leiche gekommen war. Sie war sein erstes Opfer gewesen, das er auf den Tag genau vor neun Jahren ermordet hatte. 

Das Sägewerk

Die tiefen Wälder des nordamerikanischen Kontinents - wer denkt da nicht an Holzfällerromantik, ein Abenteuerleben fernab der Zivilisation, Abende am Lagerfeuer, Kameradschaft und Budweiser-Dosen aus der Kühlbox. Viele von uns, nicht nur Naturburschen und harte Jungs, haben schon einmal vom Auswandern nach Alaska geträumt. Doch die Realität sieht natürlich anders aus. Lange vor der Mitte des letzten Jahrhunderts war die Holzwirtschaft industrialisiert. Schwere Arbeit und schonungsloser Raubbau an der Natur prägten den Alltag. Heute ist vieles anders, Arbeits- und Umweltschutz sind gesetzlich vorgeschrieben und die meisten der alten Sägewerke aus ehemaligen Familienbesitz führen ein Restdasein als Ruinen. So auch südlich von Alaskas Hauptstadt Juneau. 

 

Enola, die indigene Reiseführerin vom Stamm der Rondic Ywiq‘y erzählt bei der Reise durch die ehemaligen Goldgräberstätten diese Geschichte dazu: 

 

»Es war im Jahr 1931, mitten in der Großen Depression, als John McKirnan seine Silberhochzeit feierte. Bis in sein Reich war die Weltwirtschaftskrise jedoch nicht vorgedrungen. Als Selfmademan, der über Leichen ging, glaubte er, sich alles erlauben zu können, wonach ihm der Sinn stand. Beim Klondike-Goldrausch 1896 war er einer der Glücklichen gewesen, die etwas gefunden hatten. Davon schuf er südlich von Juneau sein eigenes Village, dessen Kern ein für die damalige Zeit riesiges Sägewerk bildete. Viele seiner Arbeiter waren gescheiterte Existenzen, denen er die Fahrt nach Alaska unter falschen Versprechungen vorfinanzierte. 

Ohne Möglichkeit zur Rückkehr, ließ er diese zu Hungerlöhnen schuften. Wer sich bei der nicht ungefährlichen Arbeit verletzte, blieb seinem Schicksal überlassen. Nur einige wenige privilegierte er, um seine Macht von denen schützen zu lassen. 

Die ungewöhnlich große Sitka-Fichte erreichte über hundert Meter Höhe und war McKirnan ein Dorn im Auge, weil sie die Zufahrt zu seinem Werksgelände blockierte und die Transportfahrzeuge im Bogen um sie herumfahren mussten. 

»Morgen werde ich den Schandfleck zu deinen Ehren eigenhändig fällen«, versprach er seiner Ehefrau am Tag vor dem Jubiläum. 

Mit der Feiergemeinde rückte er, nach der Zeremonie in der Kirche, vor dem majestätischen Baum an. 

Symbolisch schlug John McKirnan mit einer Axt eine Kerbe in den Jahrhunderte alten Veteranen des Waldes. Danach nahm er eine der damaligen Kettensägen, die zu zweit bedient werden musste. 

Doch wie aus dem Nichts stand ein Schamane zwischen ihm und dem Baum. Mit ausgebreiteten Armen rief der erregt und verzweifelt: »Zerstört ihr den heiligen Stamm, so zerstört ihr eure eigene Welt!«
 McKirnan ließ sich nicht irritieren. Es war ein Leichtes, seiner Leibgarde zu befehlen, den alten Mann zu entfernen. Durch das vergitterte Fenster der Zelle, in welcher der Medizinmann festgesetzt wurde, beobachtete der, wie sein Heiligtum zu Fall gebracht wurde und mit Getöse kippte. 

Die Arbeiter schlugen sich auf die Schultern und begannen den gefällten Giganten zu zerkleinern und ins Sägewerk abzutransportieren, während McKirnan unbeirrt weiter feierte. 

Später, vom Alkohol berauscht, hauchte er zu seiner Frau: »Lass uns unsere zweite Hochzeitsnacht begehen. Wie bei unserem ersten Mal zwischen den Sägeblättern!« 

Die Lady an seiner Seite, die ihm im Laufe der Jahre mehrere Kinder gebärt hatte, folgte wie immer widerspruchslos in die inzwischen menschenleere Fabrik. 

Dort war kaum ein gemütliches Plätzchen zu finden, die Reste des Riesenbaums füllten jeden Winkel aus. 

Aber McKirnan fand die passende Lösung und platzierte sich auf dem Zuführband zum großen, hochkant stehenden Kreissägeblatt, dem selbst der stabilste Baumstamm hoffnungslos ausgeliefert war. 

Seine Frau zögerte in Anbetracht des ungewöhnlichen Ortes, wagte es aber nicht, sich ihrem Mann zu widersetzen. 

Also kletterte sie auf ihren mit ausgebreiteten Beinen auf dem Fließband liegenden Gatten. 

Scheißfusel, dachte John, denn ohne ersichtlichen Grund wurden seine Glieder steif und sein Körper von einer Lähmung erfasst, während er von unten die Brüste seines rückwärts auf ihm  liegenden Weibes umklammerte. McKirnman schob das auf den getrunkenen Cognac, der extra aus Frankreich importiert worden war. 

Plötzlich startete die monströse Maschine, vor deren todbringender Drehscheibe das unbewegliche Paar vereint war. Als das Sägeblatt zwischen seinen Schenkeln wirbelte, brach dem Herrscher der Fabrik der kalte Schweiß aus. 

John McKirnan glaubte das Lachen des Scharmanen zu hören, obwohl der verlauste Lump in der Gefängniszelle schmachtete.« 

Enola beendet ihre Geschichte mit den Worten: »Was genau passiert war, konnte nie rekonstruiert werden. Die zwei längs durch den Rumpf, bei der Frau passgenau zwischen den Brüsten hindurch, halbierten Leichen sprachen jedoch für sich selbst, wie auch immer sie in die Säge gelangt waren. 

Die Erben von McKirnan verloren nach kurzer Zeit ihr Vermögen. Es erschien wie die Rache des heiligen Baums der Rondic Ywiq‘y. Böse Zungen behaupteten, der Schamane hätte einen Fluch über die Familie und das Sägewerk gelegt. Der alte Mann verschwand einfach aus seiner Zelle und wurde nie wieder gesehen.« 

 

An dem Abend, an dem wir uns verabschiedeten, zeigte mir Enola nach einigen Whiskys, ein Erinnerungsstück. Aus ihrem Rucksack zog sie einen präparierten Skalp, der eine Besonderheit aufwies: Das weißgraue Haarbüschel war durch einen aalglatten Längsschnitt quer über den Schädel des ehemaligen Trägers halbiert. Sie sagte: »John McKirnan hatte 30.000 Dollar dabei, als mein Ururgroßvater ihn zuletzt gesehen hatte. Und heute wächst ein neuer heiliger Baum inmitten des Kreisverkehrs vor der Ortschaft. Die Freifläche, auf der er gedeiht, gehört mir.« 

 

 

Später Besuch

Es war wie jeden Abend Zeit für die Gutenachtgeschichte. Das dunkelhäutige Mädchen freute sich. Es verkroch sich unter seiner Bettdecke, wollte sich verstecken, aber mit Hilfe von Zottel dem Bären hatte Papi es schnell gefunden. Freudequiekend kuschelte sich Audrey darauf mit ihrem Lieblingsteddy in ihr Kissen und wartete auf ihre Geschichte.

Papa war wie immer den ganzen Tag fort gewesen, im Büro, wo auch immer das sein mochte. Aber nun war er für sie ganz alleine da, auch wenn es nur wenige Minuten waren.
»Es war einmal vor langer Zeit«, begann er zu erzählen von einer wunderschönen Prinzessin, die eine noch wunderhübschere Tochter hatte und in ein fernes Land ziehen musste, in dem böse Menschen verboten die Wahrheit zu sagen. Die Prinzessin wollte nur kurz in diesem gefährlichen Land bleiben und versprach schnell zurückzukehren, um den Prinzen zu heiraten. Aber schnell vergingen die Jahre und sie kam nie zurück.
»Währenddessen wurde ihre Tochter, die kleine Prinzessin, von jedem Tag hübscher und hübscher«, endete er schließlich.
Audrey war müde, es war spät, sie war fast schon eingeschlafen, aber noch nicht ganz: »Papa, sei nicht traurig, Mami geht es gut im Himmel«, sagte sie, bevor sie die Augen fest schloss und in Träumen versank.
Brian küsste das schlafende Kind. Nun brauchte er seine Tränen nicht länger zurückzuhalten.
Für Jessica war es der Job des Lebens gewesen. Direkt nach dem College kam das Angebot von CNN nach Afrika zu gehen, dorthin wo es brannte, aber auch dort, wo Journalistenkarrieren garantiert waren. Weil sie Afroamerikanerin war, war sie prädestiniert für den Auftrag. Dann kam die Schreckensmeldung von dem Terroranschlag.
Das war nun fünf Jahre her. Seitdem sorgte er alleine für Audrey, wobei kein Tag verging, an dem er nicht an ihre Mutter dachte.
Er hatte sich aus dem Leben zurückgezogen. Dadurch hatte er gewissermaßen Karriere gemacht. Während seine Kollegen aus dem Architekturbüro ihren Feierabend genossen, brütete er zu Hause am Computer über den Zeichnungen. Er wollte Audrey abends nicht alleine lassen, zumindest wissen, sie im Nebenzimmer in der Nähe zu haben, weil ihre Mami ja nicht da war. Dabei entwickelte er die besten Ideen, weshalb er als Genie seiner Firma galt.
Aber er galt auch als vereinsamter Eigenbrötler, obwohl er mit seinen dunklen Locken und seiner muskulösen Statur mit Mitte dreißig äußerst attraktiv wirkte, egal ob in Jeans oder im Anzug. Es war lange her, dass er ausgegangen war, geschweige denn außerberuflich mit einer Frau geflirtet hatte.
Zum Glück wohnte seine Mutter im gleichen Block, die tagsüber Audreys Leben managte.
RingRingRing, erklang die Türschelle, was Brian verärgerte, der eben sein neues Projekt auf dem PC geladen hatte.
Nicht noch eimal, sonst wird Audrey wach, dachte er, als er zur Tür stolperte, um den Störenfried abzuwimmeln.
»Wer sind Sie denn?«, fragte die junge Frau, die wie Rihanna aussah.
»Das sollte ich Sie fragen?«
»Ich passe diese Woche auf Audrey auf. Die Großmutter hat mich über eine Agentur engagiert. Entschuldigung! Sie sind bestimmt der Vater. Ich hatte sie mir anders vorgestellt, nicht weiß.«
Brian schaute verdutzt in das hübsche Gesicht.
Sein mehr als attraktives Gegenüber wurde fast schüchtern, als sie den imposanten Manager genauer ansah. »Ich wollte eigentlich nur die Schuhe zurückgeben, die Audrey mir für mein Bewerbungsinterview geschenkt hat.«
»Was für Schuhe?«
»Diese, die Louboutin Sandals«, reichte sie Brian die Edelschuhe. »Ich weiß, dass ich die nicht behalten kann.«
Dieser erschrak, schockiert und erbost zugleich, als er Jessicas Lieblingsschuhe sah. Ihm war klar, was abgelaufen war, aber seinem kleinen Engel konnte er nicht böse sein.
»Geben Sie her!«, erwiderte er barsch, sich zusammennehmend nicht aufzubrausen.
›Und jetzt verschwinden Sie‹, wollte er nachschieben, jedoch fragte er höflich: »Darf ich Sie auf einen Cappuccino einladen?«
 

KIM IN PARADISE

Für Kim war es ein Tempel, ein magischer Ort voller Schuhe, der Outlet-Store von Zalando  bei ihr um die  Ecke. 

Sicher liebte Kim schicke Schuhe und ihr Schuhschrank hätte ein wenig größer sein können, aber seit einer Woche gab es einen weiteren Grund die Glücksoase heimzusuchen.

Dieser Grund hatte lange blonde Haare, blaue Augen und das wundervollste Lächeln der Welt, und hieß Fr. Schmidt, wie Kim mit einem verschämten Blick vom Namensschild der hübschen neuen Verkäuferin abgelesen hatte.

Seit längerem war Kim bewusst, dass sie sich für Frauen interessierte. Sie war sich nicht sicher, ob sie wirklich lesbisch war, traute sich aber auch nicht mit jemanden darüber zu sprechen. Nur wunderten sich viele, die sie kannten, dass sie seit längerem Single war. Das war nicht immer so gewesen, während der Schulzeit hatte sie Erfahrungen mit Jungen gesammelt und später war sie auch längere Zeit mit Partnern zusammen gewesen, aber irgendwie hatte sie sich nie wohl dabei gefühlt.

Von einem Outing war sie weit entfernt, sie traute sich nicht einmal es auszuprobieren. Aber nun fürchtete sie verliebt zu sein, in eine andere Frau. Wie sie wohl mit Vornamen heißt?, grübelte Kim in ihrem Kopfkino. Vielleicht Lena oder Lea.

In dieser Woche besuchte Kim den Laden täglich. Sie konnte sich einfach nicht für das passende Schuhpaar entscheiden. Ob es die auch in Schwarz gab? – Frau Schmidt hatte nie Zeit für Kim, die so viele Fragen hatte.

Ob ich den Schuhen ebenfalls gefalle?, sinnierte Kim. Mir gefallen sie gut, am liebsten würde ich sie küssen. Die Roten sehen bestimmt besser zu meinen braunen Haaren aus, schwelgte sie in ihren Tagträumen. Behutsam befühlte sie die feine Lederhaut, sanft streichelte sie darüber, wobei sie vorsichtig die gewölbten Stellen knetete. Schuhkauf wollte überlegt sein. Da konnte soviel falsch gemacht werden. Es war schwer das perfekte Paar zu finden, mit dem man eins werden konnte. Sie rochen so gut, so verführerisch wie Parfüm.  

Während Kim den Duft von der Innensohle einsog, erblickte sie durch die vordere Öffnung des roten Peeptoes  Frau Schmidt, auf die ein schuhkartongroßes Loch in der sie trennenden Regalwand die Sicht freigab.

Wie gut sie das macht, dachte Kim, als sie die blonde Verkäuferin beim Anpassen eines Stiefelpaares bei einer älteren Dame beobachtete. Ich will, dass sie das auch bei mir so macht, und noch viel mehr, träumte Kim.

Sie senkte den Schuh herab, Frau Schmidt war verschwunden, sie holte wohl weitere Exemplare für die alte Dame. Mit der freien Hand rieb sich Kim kurz im Schritt. Hoffentlich hat das keiner gesehen, dachte sie, aber ich liebe sie doch! – Welche denn nun? Die Roten, oder die Blauen, und wenn ich nur wüsste, ob es die in Schwarz gibt. Ich liebe sie alle. – Wenn mich nur Frau Schmidt beraten würde, wäre alles viel einfacher.

Ich muss noch einmal daran riechen, bevor ich mich entscheide!, erhob sie erneut ihr Periskop, um durch das Regal hindurchzuschauen, wo es diesmal nichts zu erspähen gab.

Kim dachte: Wo bist du denn jetzt schon wieder, ich will …
»
Was kann ich für Sie tun?« unterbrach eine Stimme hinter ihr.

»… ich will, dass wir ein Paar werden«, führte Kim ihren Gedanken laut zu Ende, bevor sie sich umdrehte und in das Gesicht ihrer Träume schaute. Da war sie endlich, und dann so eine Peinlichkeit.

»Ich will ein Paar Schuhe kaufen«, stammelte Kim leicht errötend. »Entschuldigung, ich war in Gedanken woanders«, stotterte sie weiter und dachte: Was für ein hübsches Paar wir wären.
Charmant, wie nur sie es konnte, lächelte die attraktive Blondine wohlwollend: »Macht nichts, ich habe im Moment auch Stress mit meinem Freund.«F

Babyklappe

 

Richard fühlte sich alt. 

Wie alt wusste er selbst nicht genau. Wenn man ihn fragte, holte er aus einem Winkel seines Gedächtnisses sein Geburtsjahr hervor. 

Er hatte seit Jahren nichts Besseres zu tun, als sich auf der Reeperbahn einen anzutrinken und anschließend  in St. Georg abzusaufen, um dann zwei oder drei Drogennutten zu ficken, vielleicht eine mit nach Hause zu nehmen, was bei den St. Pauli Fotzen nicht funktionierte. 

Seine einzige Liebe, falls die echt gewesen war, hatte ihn längst verlassen, dass hatte sein Herz endgültig taub gemacht.
Die Mädchen hatten ihn immer gemieden, er war ein Stotterer. Die Schule hatte er gehasst. Die anderen Kinder liefen hinter ihm her und hänselten ihn. Er hasste sie. Kein Lehrer hatte je geholfen, die hatten ihm schlechte Noten gegeben. Niemand war für dem Stotterdeppen wirklich da, weder seine Eltern noch die Logopäden, die die Krankenkasse notgedrungen zahlte. Für viele war es nachträglich klar gewesen, dass der komische Kautz im Knast landetet. Da gehörte er offensichtlich hin.
Als die kleine Alina verschwand, deren vergewaltigte Leiche später im Wald gefunden wurde, stand fest, wer der Täter war. Mit dem Stotter-Richard war sie das letzte Mal gesehen worden. 

Eine Schande, dass der Schlüssel nicht weggeworfen wurde, im Marianengraben hätte der versenkt werden müssen … Patronenhülsen wurden als Zäpfchen für Pädophile gepostet … aber am Ende kam das Monster auf Bewährung frei und durfte seitdem in Hamburg rumgammeln. 

Nun schlenderte Richard besoffen nach Hause. Das Geld fürs Taxi hatte er verloren und offensichtlich hatte er sich in seinem Suff verlaufen, als er an der Babyklappe vorbeikam, vor der sich ein Drama abspielte. 

Das Paar vor dem Krankenhaus stritt in einer fremden Sprache. Verdeckt blieb Richard in den Büschen stehen und beobachtete das Geschehen. Er traute sich nicht einzugreifen. 

Der Mann brüllte auf die Frau ein, die ein heulendes Bündel in die Babyklappe legte, womit es offenbar ein Problem gab. Die Mutter wollte die Klappe nicht schließen, aber der Typ kam ihr mit einem Messer dazwischen, dass er ihr in den Bauch rammte. 

Blutverschmiert rannte er davon, ohne sich um irgendwas zu kümmern. 

Richard wollte eigentlich nur nach Hause und mit so einem Müll nichts zu tun haben. Das würde seiner Bewährung nur schaden. Womöglich käme er wieder in den Knast. Wäre ja klar, wer Täter ist. Auf die simpel strukturierte Polizei mit ihrer Vorurteillastigkeit hatte er null Bock. 

Aus der Klappe ertönte ein hilfloses Wimmern, davor war das Stöhnen einer sterbenden Mutter zu hören. Er konnte sich dem nicht entziehen. Das Wimmern des kleinen Wesens, das hilflos zwischen Sein und nicht Sein war, während seine Mutter vor ihm starb, zog ihn magisch an.
Er hatte wenige Sekunden. Schnell huschte er aus seinem Versteck über die Straße und verschaffte sich einen Überblick. Richard hatte einiges im Knast gesehen und wusste sofort, der Frau war nicht mehr zu helfen. 

Die Klappe war noch offen, somit war kein Alarm ausgelöst.
Behutsam nahm er das kleine in Tüchern verpackte Kind heraus.
Fang bloß nicht an zu schreien, ich hasse das, lächelte er in das Gesicht von dem er nicht wusste, ob es einem Mädchen oder einem Jungen gehörte, worauf das Baby verstummte, mit dem er in der Nacht verschwand. 

Zehn Jahre später gab es im Frühstücksfernsehen eine Sensation.
»Richard Bauer, Sie waren viele Jahre unschuldig im Gefängnis. Heute ist eindeutig dank DNA bewiesen, dass Sie nicht der Täter waren. Nun bekommt ihr wunderbares Kinderbuch, das Sie hinter Gittern geschrieben haben und das millionenfach verkauft wurde, ein Autorengesicht. Millionen Menschen warten darauf, den Schreiber zu sehen und endlich seine Stimme zu hören. Wir freuen uns darauf, dass sie ausnahmsweise dazu bereit sind.«
Richard wirkte mit gepflegtem Dreitagebart intellektuell. Sein Maßanzug stand ihm ohne Krawatte gut.
Er nahm das Mikro und stotterte: »Nein, ich werde nicht selbst lesen, meine zehnjährige  Tochter kann das viel besser. Ich habe nur aufgeschrieben, was ich mir als Kind gewünscht habe: Liebe.«
Eine Träne lief ihn übers Gesicht, als er das Mikrofon an das dunkelhäutige Mädchen an seiner Seite weitergab.
»Danke, dass du mein Papa bist!«, sagte das Kind, bevor es Vorzulesen begann. 

 

Todesschuss

Ich würde sie gerne erschießen, einfach so, ohne Grund. Dieser Gedanke begleitete Roger seit Monaten. 

Grundlos jemanden das Leben rauben, von der einen auf die andere Sekunde, absolut unvorbereitet ohne Vorwarnung, das faszinierte Roger. Warum er dieser Idee wie ein Besessener verfallen war, wusste er nicht. Im Grunde war der Fünfunddreißigjährige ein ruhiger, friedliebender Mensch ohne Gewaltneigung. Er war nie aggressiv aufgefallen, geschweige denn straffällig geworden. 

Das Mädchen von gegenüber, das im Bungalow ihrer Eltern lebte, zog ihn auf eigentümliche Weise in einen Bann. Seit die Familie dort auf der anderen Straßenseite vor einigen Jahren eingezogen war, beobachtete er die Nachbarstochter, die inzwischen altersmäßig die Mitte Zwanzig überschritten hatte. Sie war attraktiv, hatte lange rote Haare und war stets schick in modernen Sachen gekleidet. Eine gewisse Aura umgab die Rothaarige, was ihr ein Stück Unnahbarkeit verlieh. 

Die junge Frau war überhaupt nicht Rogers Typ, der auf blonde Frauen stand und keinerlei sexuelle Begehrlichkeit ihr gegenüber hegte. Jedenfalls nicht, um sie selbst zu haben. Er fantasierte, dass sie sich als Pornomodell gut machen würde. Gerne hätte er ihr bei einer Sandwichnummer zugeschaut und davon Bilder gehabt. Aber nur zum Anschauen, nicht um selbst mitzumachen. 

Was seine Nachbarin in Wirklichkeit beruflich machte, davon hatte er keine Ahnung. Aufgrund ihres stets eleganten Outfits konnte er sie sich als Boutiqueverkäuferin vorstellen oder vielleicht als Anwaltsgehilfin. Aber das war reine Spekulation. 

Fakt war, seine Illusionsidee wandelte sich im Laufe seiner Arbeitslosigkeit immer mehr zu einem Verlangen. Nach den letzten Absagen schien es Roger sicher zu sein, bald aus dem Arbeitslosengeld herauszukommen und Hartz-IV-Empfänger zu werden. Damit konnte er die Eigentumswohnung im obersten dritten Stockwerk des Appartementhauses nicht mehr halten. Die hatte er vor zehn Jahren zusammen mit seiner Frau gekauft, von der er inzwischen geschieden lebte. Heute war er lediglich Zahlmeister ohne Kasse. 

Wenn er aus dem Fenster schaute, war nicht zu vermeiden, dass er SIE immer wieder ins Blickfeld bekam. 

Anfangs war das zufällig. Natürlich dachte er bereits zu der Zeit, als seine Frau noch da war: Scharfe Braut dort drüben. Aber das war nicht anders, als ein zukünftiges Topmodell im Fernsehen toll zu finden. 

Später änderte sich das. Er erwischte sich dabei, immer öfter auf sie zu warten, um einen Blick ihrer Aura zu erhaschen. Manchmal gelang es ihm, rein zufällig, nur von der Straße getrennt an seiner Nachbarin vorbeizugehen. So nahe, ohne Glasscheibe dazwischen, kam er der Hübschen selten. Aber es gab sogar einmal den Moment, wo sie ihm direkt vor ihrem Haus gegenüberstand. Er schaute kurz in ihr Gesicht, wollte lächeln, traute sich aber nicht. Ohne Geste ging sie einfach vorbei, als ob er Luft wäre. 

Er wollte sie pflücken, wie eine hübsche Blume. Es war komisch. Warum sollte man etwas Wunderbares zerstören? Aber für Roger war dieser Trieb selbstverständlich. Welche Blüte schneidet man von einem Rosenstock? – Die einem am meisten ins Auge sticht. Natürlich war das nicht anders als der Trieb, ein Steinchen von einer Brücke zu werfen, und wenn es eine Autobahnbrücke sein sollte, warum nicht gleich einen Holzklotz? 

Es war einer der ersten warmen Frühlingstage, als er im Wohnzimmer vor dem offenen Fenster saß und sein Präzisionsgewehr aus dem Sportschützenclub neben ihm stand. Gleich würde sie herauskommen und zur Arbeit fahren oder wohin sie jeden Morgen ging. Sorgfältig lud Roger seine Waffe. 

Es konnte nicht lange dauern, nur wenige Minuten. Er merkte, wie Adrenalin seinen Körper durchfloss. Wie bei einem Großwildjäger, der auf seine Beute lauerte. 

Dann trat sie heraus. Wie immer war ihr Anblick atemberaubend. Sie enttäuschte ihn nicht und trug das ideale Showoutfit, so wie er sich das ausgemalt hatte. 

Am auffälligsten war ihre weiße Leggings, zu der die braunen Wildleder-Stiefeletten perfekt passten. Der enganliegende hellgraue Sommerpulli wirkte dazu sexy und elegant zugleich, was der darüber liegende Gürtel betonte. Das kurze, offen getragene Lederjäckchen ergänzte alles vollkommen. 

Roger griff sein Gewehr. Nun würde sein Traum wahr werden. Er würde einen Menschen in den Tod schicken. Er hatte die Macht, zu bestimmen, wer leben durfte und wer sterben musste. Sein Puls erhöhte sich. 

Celine schloss die Haustür ab. 

Ob ich ihr in den Arsch schießen soll, hehe. Er lachte, während er sie von hinten ins Visier nahm. 

Celine drehte sich um und schritt die kleine Haustürtreppe herab. 

Roger richtete sein todbringendes Instrument aus. 

Das hübsche Mädchen ging die ersten Schritte entlang des Hauszuganges. 

Auf der Lehne des vor seinen Sessel stehenden Stuhls positionierte Roger seinen Arm in stabiler Lage. Millimetergenau konnte er so mit dem auf der Fensterbank aufliegenden Hightechgerät treffen. Er war ruhig, konzentrierte sich auf seine Atemtechnik. Das war antrainiert. Noch schwankte das Zielkreuz auf Celines Körper, aber in Moment des Abdrückens würde nichts zucken. Dass er auf einen Menschen zielte, spielte keine Rolle, das erregte ihn. 

Celine war inzwischen auf halben Weg zum Bürgersteig. 

Logisch wäre für Roger eigentlich, ihr das Leben mit einem einzigen Kopfschuss auszuhauchen. Aber da sie davon vermutlich nichts merkte, sondern sofort tot sein würde, wollte er dem Mädchen ein Vorspiel gönnen. Die Süße sollte auch etwas davon haben, zumindest kurz den speziellen Moment bewusst erleben. Deshalb entschied er sich, ihr zuerst in die Brust zu schießen. 

Seine Mundwinkel formten sich zu einem breiten Lächeln. 

Ihm war klar, dass das irre war, was er tat, aber er wollte es. 

Sein Zeigefinger winkelte sich an. 

Er hielt den Atem an. 

»Peng« 

Celine spürte einen heftigen Schlag auf ihrer Brust, dem sich sofort ein feuriger Schmerz anschloss. Instinktiv neigte sie ihren Kopf abwärts und erblickte den schnell größer werdenden roten Fleck auf ihrem Pulli. Ihre Hände wollten zu der Schmerzstelle greifen, ließen das aber. 

Was ist mir denn jetzt passiert?, dachte Celine. Um Himmels willen, wo kommt das ganze Blut aus meiner Brust her? Ist da eine Schlagader geplatzt? 

Langsam kam Schwindel bei ihr auf. 

Scheiße, so was hat mir heute gefehlt. Gleich ist der wichtige Termin mit Herrn Schmidtbauer … – Es hat geknallt. Sollte das ein Schuss gewesen sein? Quatsch, so was gibt es nur im Fernsehen. 

Während sie auf die Knie absank und sich an einem der Blumenkübel neben ihr festhielt, versuchte sie mit der anderen Hand ihr Handy zu erreichen und rief sicherheitshalber: »Hilfe! Hilfe!« Im Haus war derzeit niemand. 

Daran, dass ihr Leben zu Ende sei, dachte Celine nicht. Sie war sicher, später in einem Krankenhaus aufzuwachen. 

Roger war begeistert von ihrer Performance. 

»Jetzt bereite ich dir einen besonderen Spaß«, stieß er enthusiastisch aus und drückte erneut ab. 

Celine ließ das Handy fallen und erfasste mit beiden Händen ihre Oberschenkel, zwischen denen sich im Schritt nun ein neuer schnell wachsender roter Fleck auf der weißen Hose ausdehnte, während sich ein Flächenbrand von Schmerz in ihrem Unterleib fraß. 

»Was geschieht bloß mit mir?«, fragte sich ängstlich die junge Frau, die langsam panisch wurde. 

Roger hatte ihr in die Muschi geschossen. 

Super, Fötzchen!, dachte er zufrieden, aber das reicht nun, bevor du kapierst, was abgeht. 

Peng

Auf Celines Stirn, entsprang ein kleiner runder roter Fleck, ähnlich dem Punkt, den Inderinnen sich mit dem Finger auftupften. Roger fand, dass der ihr gut stand. 

Von dieser Stirnverzierung merkte Celine nichts mehr. Zwar bekam sie mit, dass ein weiterer Schlag sie zwischen die Augen traf, der bis tief in ihr Hirn einschlug. Das ging aber so schnell, dass ihr sofort schwarz wurde, noch während sie aufrecht kniete. Wie ihr Körper zur Seite kippte, bekam Celine nicht mehr mit. 

Ihre Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, ihre Liebe zu ihrem Freund und zu ihren Eltern – alles, was sie als Mensch ausgemacht hatte, war ab dieser Sekunde in der wahrnehmbaren Welt ausgelöscht. Ihr Platz würde heute beim Abendessen frei bleiben. Ihre Stimme würde nicht erklingen, nur das Weinen ihrer Eltern würde erschallen. 

Celine merkte nicht, wie ihr Leben davonflog. 

Ihre Augen verdrehten sich. Ihr Körper wurde steif. Er war nur noch ein Kokon ihres verschwundenen Seins, bewegungslos, nichts weiter als eine Masse aus Atomen und Molekühlen, wie der Blumenkübel, der neben ihrem sterblichen Rest stand. In wenigen Tagen würde sie verwesendes Aas sein, in einer Holzkiste zwei Meter unter der Erde, das Würmer zerfraßen. 

Roger fand, in ihren eleganten Klamotten mit den roten Flecken sah sie noch immer schick aus. Für ihn machte sie sich gut als Tote. 

Er öffnete seinen Hosenschlitz und begann, sich Einen zu wichsen.

Dies ist das eher harmlose Intro zu »Ekstasen des Todes«, sozusagen zum Aufwärmen. 

 

Was geht ab in Amerika 2084? 

 

Heute gibt es ein ganz besonderes Highlight. 

Soeben erreichte das Signal eines Live-Chat mit dem Pornostarlet Sunshine IV, bekannt aus dem Zukunftsroman »USA 2084« von Pjotr X, deutsche Nachrichtensender. Sie entstammt einer frivole Wohlstandswelt, voller Sex, in der vom Jahrgang der Neunzehnjährigen 1 % geschlachtet wird. 

Nun ist sie live aus der Zukunft im Interview: 

In einem engen, eleganten schwarz-weiß-grau gemusterten Satineinteiler erscheint die rattenscharfe Blondine mit ihren betörenden langen Haaren. Dank in ihrem Overall eingearbeiteter durchsichtiger Plastikflächen sind ihre Intimzonen zu sehen. Sie hat herrliche, pralle Brüste und eine zuckersüße Muschi. Durch die untere Freifläche ist zu sehen, dass sie in ihrem Anzug zwei eingearbeitete Glasdildos trägt, von denen sie beim Gehen in ihre beiden Löcher gefickt wird. Auf ihrem Venushügel ist in einem auftätowierten roten Herz zu lesen: „Schwänze hier bitte.“ 

 

Breaking News: „Hey Sunshine!“ 

Sunshine: „Hallo 2017!“ 

BN: “Schön, dass du dir vor deinem Schlachttermin Zeit nimmst, mit uns zu sprechen.“ 

S: „Aber doch gerne,“ 

BN: „Erzählst du uns etwas über dich?“ 

S: „Klar, ja hm … ich bin Sunshine IV, eigentlich Pamela, ein antiker Name aus eurer Zeit, hihi. Ich bin im April 2065 geboren und gehe in Los Angeles zur Highschool. Nebenbei drehe ich fürs Fernsehen und mache Pornofilme. Am bekanntesten mit mir ist  wohl die TV-Sex-Soap „Abschlussklasse 2084“, aber ich habe auch in einigen echten Pornofilmen mitgespielt. Weiß gar nicht genau, zehn Stück müssten das inzwischen sein. Zuletzt habe ich  „Holiday  2084“ auf Hawaii gedreht und im April zwei Gonzo-Szenen.“ 

BN: „Und nun bist du als Schlachtkid ausgelost worden!?“ 

S: „Ja, genau.“ 

BN: „Wie fühlst du dich als Schlachtmädchen?“ 

S: „Ein bisschen komisch ist das schon, aber in  erster Linie ist das eine große Ehre für mich. Ich bin stolz, dass ich meinem Land dienen darf und etwas für die Allgemeinheit tue.“ 

BN: „Findest du es nicht schlimm, in drei Tagen sterben zu müssen?“ 

S: „Ja, ein wenig schade finde ich das schon. Vor allem, weil es im Moment so gut läuft. Ich denke schon, dass ich beste Aussichten auf eine Pornostarkarriere hätte und Kinder hätte ich auch  gerne gehabt. Aber das ist nicht so wichtig. Die Interessen Amerikas gehen meinen kleinen Wünschen  vor.“ 

BN: „Hast du Angst vor der Schlachtung?“ 

S: „Nein. Das ist ja was ganz normales. Ich werde einfach zu meinem Termin am Donnerstag im Schlachthof San Francisco fahren und dann sehen. Wird schon nicht so schlimm werden.“ 

(WENN DU MAL WÜSSTEST) 

BN: „Hast du besondere Wünsche hinsichtlich deiner Verwertung?“ 

S: „Nicht direkt. Im Grunde ist mir das egal, merke ich ja eh’ nichts von. Ich hoffe nur, dass ich lecker schmecke und denen, die mich essen, eine Freude bereite.“ 

BN: „Lecker aussehen tust du auf jeden Fall!“ 

S: „Danke! Vielleicht wäre es mir am liebsten, wenn ich aufgespießt werde. Dann wäre das so eine Art Abschiedsvorstellung, wenn ich so wie ich bin an einem Stück gegrillt werde. In hundert Einzelteilen zerlegt gegessen zu werden ist uncooler. Wobei das bestimmt spannend ist, zerschnitten zu werden, das würde mich schon interessieren, wie das aussieht, wenn ich in zwei Hälften geteilt werde. Aber im Grunde ist mir das egal. Ich wünsche nur, dass mein Kopf ausgestellt wird, das wäre schon schön, wenn so ein Andenken von mir übrig bleibt. Ich finde es etwas blöd, dass, wenn man gegessen wird, von einem alles weg ist. Als Asche in einer Urne zu sein, oder in einem Grab zu liegen, finde ich besser, da haben dann Freunde und Verwandte länger etwas von. Aber das geht beim Schlachten halt nicht.“ 

BN: „Wir drücken dir die Daumen, dass für deinen Kopf ein guter Platz gefunden wird. Vielleicht auf dem Hollywood Boulevard.“ 

S: „Haha. So berühmt bin ich nun auch wieder nicht. Aber das hätte was.“ 

BN: „Was machst du an deinen drei letzten Tagen? Bereitest du dich speziell vor?“ 

S: „Nein, keine besondere Vorbereitung. Ich versuche möglichst meine Ruhe zu haben. Nach dem ganzen Stress im letzten Jahr mit Schule und Filmen nebenher möchte ich die letzte Zeit mit meiner Familie verbringen. Ich habe mich nicht einmal bei der Fernsehshow Schlachtkid beworben, das wäre mir zuviel Trubel.“ 

BN: „Gibt es einen festen Freund oder eine Freundin, mit dem/der du die letzten Nächte verbringst?“ 

S: „Nee, ich hatte im letzen Jahr mehr als genug Sex, das waren bestimmt  über 150 Ficker. Jetzt lasse ich nur noch Donald in mein Schlafzimmer, das ist meine Deutsche Dogge. Aber soweit ich weiß, kann man im Schlachthof noch einmal Sex machen, das werde ich wohl ausnutzen, um mit einem guten Gefühl zu sterben.“ 

BN: „Du trägst einen festgeschweißten Ring um den Hals und solche Ringe auch um die Handgelenke. Was hat es damit auf sich?“ 

S: „Das war für ein Bondage-Filmprojekt in den Sommerferien gedacht. Irgend so eine Anlehnung an einen alten Klassiker mit einer Frau namens „O“. Die habe ich fest anschmieden lassen, ohne sie selbst abnehmen zu können. Das sollte mein neues Markenzeichen werden, wenn „Abschlussklasse 2084“ ausläuft. Ist jetzt etwas blöd, die muss ich mir morgen noch abmachen lassen. - Jetzt muss ich aber langsam los, vor so einer Schlachtung hat man doch einiges zu erledigen.“ 

BN: „Dann wünschen wir dir viel Spaß am Donnerstag im Schlachthof, bevor du zerteilt oder aufgespießt wirst.“ 

S: „Danke, ich freue mich darauf.“